So fuhr er Tag für Tag, Woche für Woche mit dem Rad ins Büro. Bei Wind und Wetter. Das Team in der Abteilung bestand aus sieben Leuten. Damals im Alter von Anfang zwanzig bis Anfang vierzig. „Ein junges Team“ würde man heute sagen. Es gab einen Abteilungsleiter, der neben dem kaufmännischen Personal auch noch für das Lagerpersonal und die Subunternehmer zuständig war. Dazu fünf Festangestellte (zwei von ihnen ehemalige Azubis), einen Azubi und einen Ruud.
Eine bunt gemischte Truppe, mit einem guten Zusammenhalt und einem guten Klima. Es wurde trotz oder gerade wegen der zum Teil stressigen Arbeit, viel gelacht. Das Wochenende wurde freitags nicht selten mit „You’ve lost that loving feeling“ aus den Computerboxen eingeläutet. Eine Art Abteilungshymne.
Ruud wurde von den Kollegen gut eingearbeitet und sollte bei Fragen, fragen. Der Hauptkunde kam aus der Fischproduktion und belieferte große Handelsketten aus dem Lebensmitteleinzelhandel. Täglich wurden Abholaufträge für eingelagerte Waren übermittelt, die in einer bestimmten Reihenfolge auf die sich dann meldenden LKW verladen werden mussten. Nach Verladeende wurden die Warenausgänge gebucht und Lieferscheine für jede Anlieferstelle erstellt. In dreifacher Ausfertigung. Diese musste der Fahrer quittieren. Das übernahm meistens auch Ruud. Nicht selten bekam er dann die Frage gestellt, „Was er denn jetzt alles gekauft hätte!“ Ein anderer Fahrer wollte immer noch auf dem Tresen unterschreiben, da er „sich gerade warmgeschrieben hatte!“
„Alles verkappte Komiker“ dachte Ruud.
Und einfallsreich waren sie auch. Getreu dem Motto „Wartezeit geht von der Lenkzeit ab“, wollte natürlich jeder Fahrer schnell wieder los fahren und nach Möglichkeit der nächste sein. Das konnte jedoch meistens nur der auftraggebende Spediteur beeinflussen, der die LKW am Vorabend zu bestimmten Zeiten angemeldet hatte. Je nachdem, wie viele LKW zum Laden auf dem Hof standen, konnte es 3-4 Stunden dauern, bis man an der Reihe war.
Daher schnappte sich ein Fahrer sein Telefon, rief den Auftraggeber an, der dann wiederum im Büro anrief und bestätigte, den LKW bevorzugt zu beladen. Als Ruud den Fahrer nach dem Grund für die Bevorzugung fragte, sagte dieser nur: „Ich habe noch einen Ohrenarzttermin. Habe gerade schlimme Ohrenschmerzen bekommen!“