Ähnlich wie bei Bundeswehr, als man Ruud erzählte, er und die anderen Grundwehrdienstleistenden, seien „die Elite der Elite, die Besten der Besten“, dachten er und seine anderen Azubikollegen seien ebenfalls die besten. Schließlich arbeiteten sie beim Marktführer. Also beim Marktführer seiner Branche. Das war aber auch nur in der Branche bekannt. Der gemeine Endverbraucher, dem sie erzählten, wo sie arbeiteten, dachte immer, sie würden mit kleinen Kühlfahrzeugen rumfahren und an Haustüren Tiefkühlessen an alte Leute verkaufen. Naja.
Marktführer war bei fast jedem Mitarbeiter manifestiert. Trotz 42,5 Stunden-Woche. Ohne Überstunden, die mit dem Gehalt abgegolten waren. Employer Branding war noch nicht erfunden. Alle hatten scheinbar das richtige Mindset. Das hieß damals natürlich noch nicht so. Das einzige was sie kannten war Mindfactory. Ein regionaler Händler für Computerprodukte. Manch einer hätte sich zu der Zeit den Firmennamen auf die Stirn tätowiert. Für umme. Der Geschäftsführer bekam fast alles, was er wollte. Von der Politik, den Banken, den Kunden. Bei Bauvorhaben und Vergabegesprächen verhandelte er in letzter Instanz selbst.
Und das übertrug sich irgendwie auch auf die Mitarbeiter.
Der selbsternannte Spieler mit der Nr. 19 brüllte gerne „Aus dem Weg, hier kommt der Marktführer“ wenn er mit dem Firmenwagen über die Autobahn bretterte und die vor ihm fahrenden Verkehrsteilnehmer nicht schnell genug auf die rechte Spur fuhren.
Helene Schimpanseck, eine spätere direkte Kollegin von Ruud, hatte sich in ihrer Anfangsphase beim Unternehmen gefragt, ob die Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt seien, weil sie immer so lange da wären. „Das ist im Dienstleistungsbereich nun mal so“ hieß es. Nur ein zufriedener Kunde ist ein guter Kunde. Geht nicht, gibt’s nicht. Geht schwer, gibt’s schon!“ Jeder machte Überstunden. Bzw. fast niemand ging vor dem tatsächlichen Feierabend. Weil er noch eine wichtige Auswertung oder ein Angebot erstellen musste, weil er zu langsam arbeitete oder weil zu Hause die Familie wartete.
Kollegen, die ausnahmsweise pünktlich um 17h auf dem Weg in den Feierabend waren, wurden auch schonmal gefragt: „Na, heute halben Tag Urlaub oder was?“ Dass sie unter Umständen aber auch schon eine halbe Stunde eher angefangen oder am Wochenende schon die Post geholt oder andere Sonderaufträge erledigt hatten, sah natürlich keiner.
„Alle gucken wenn ich früher gehe, aber niemand sieht wenn ich früher komme!“
Der Marktführer hatte natürlich auch ein Maskottchen. Ernst Eiswürfel. Ein personifizierter Eiswürfel mit Armen, Beinen und freundlichem Gesicht, der den Daumen der rechten Hand nach oben streckte.
Machte sich auch auf dem Geschäftspapier gut. Besonders bei Kündigungen.