Hinter einem anderen Tresen stand Ruud dann nach seinem vor Weihnachten angeordneten (aber kurzen) Ausflug in die Lademittelverwaltung. Und zwar hinter dem im Sekretariat der Geschäftsleitung.
Doch der Reihe nach. Ruud trat also nach Weihnachten seinen Dienst in der Lademittelverwaltung (LMV) an. Frau Konken kam klar und bekam noch einen Azubi an die Seite gesetzt und schon bald war die vakante Stelle auch adäquat nachbesetzt. Hauptaufgabe in der LMV, Tourmappen auf mögliche „Gutscheine“ über genormte Paletten zu durchforsten, die von Zentrallägern aus dem Lebensmitteleinzelhandel ausgestellt wurden, wenn beim Ent-/Ladevorgang nicht Zug um Zug getauscht werden konnte. Andere Läger führten sogenannte Palettenkonten für die jeweiligen Firmen/Speditionen. Im Idealfall gab es sehr wenige Abweichungen. Wenn es schlecht lief, waren die Abweichungen so groß bzw. die Palettenschulden so hoch, dass man nicht umhin kam, eine fette Rechnung zu bezahlen bzw. selbst bei einem Palettenhändler gebrauchte Paletten einzukaufen. Oder man fand einen Dritten im Bunde, bei dem man selbst ein Guthaben hatte und verrechnete das wiederum mit anderen Außenständen. Klingt kompliziert, ist es auch. Es gab so viel Arten von bepfandeten Lademitteln. Angefangen bei der Europalette, blaue CHEP-Paletten, H1-Paletten, Dollies, Düsseldorfer, IFCO-Kisten, Rollies, Brotkörbe, E2-Kisten und und und.
So ganz durchblickte Ruud das damals nicht. Was er aber wusste war, dass es sehr sehr viele Tourmappen für viel zu wenige Mitarbeiter war. Ein aus Süddeutschland stammender alter Logistikhase wurde als Projektleiter engagiert und sah das auch so. Kurzerhand wurden mehrere kaufmännische Angestellte über Personaldienstleister rangeholt, um Tag für Tag die Sisyphusarbeit zu bewerkstelligen. Am Ende des Tages wurde sich mit den meisten Firmen bei denen es noch große Außenstände gab, verglichen und das Konto für einen Neustart auf Null gesetzt.
Das war auch der Grund, warum einige Speditionen insolvent gingen. Sie konnten ihre Palettenschulden nicht mehr begleichen. Der ein oder andere kennt vielleicht noch DM 50,- Pfand für eine Europalette aus dem Baumarkt. Gut, so viel war es zu Eurozeiten nicht ganz, aber für eine für Lebensmittel geeignete Palette musste man in der Regel zwischen € 6 und 8,- je Stück hinlegen. Findige Fahrer fuhren Palettenhändler an der Autbahn an und verdienten sich durch den Verkauf von Firmeneigentum so ein kleines Zubrot. Das wiederum machten sich anonyme Anrufer zu nutze, die die Fahrer fotografiert hatten und konkrete Informationen gegen Bezahlung tauschen wollten.