… beim Coiffeur

Samstagmorgen, 09:03 Uhr. Der schneidige Kunde betritt einen ortsansäßigen Salon. Die Tür fällt zu und signalisiert dem nicht anwesenden Personal: KUNDSCHAFT!

Aus der Kammer hinter dem Kassenbereich tönt Gebrabbel, Gelächter und Geschirrgeklimper. Nach etwa 10 Sekunden schält sich Ludmilla durch den Vorhang, schickt den Rest ihres Mettbrötchens kauenderweise in ihren Verdauungsapparat und wischt sich die Krümmel von den zarten Fingern.

„Bitteschön?“ fragt sie freundlich grinsend.

„Ja, äh, ein Pfund Gehacktes halb und halb und drei Scheiben Gesichtswurst …“ lag mir auf der Zunge, aber stattdessen sagte ich soetwas untypisches wie „Einmal Haare schneiden, bitte!“

Ludmilla blättert in dem Terminkalender und schaut nach, ob noch ein Spontantermin-Termin frei ist. Und siehe da, Glück gehabt. Von den hiesigen Politikern und Stadtangestellten, die hier Stammkunden sind, kommt heute keiner vorbei. Die kommen ja alle unter der Woche in ihrere Mittagspause. Weiß ich von meinem letzten Friseurbesuch. Meinen Vorschlag, den „Landrat-Ken-Darkosy-Schnitt“ als Alleinstellungsmerkmal unter den ganzen Friseuren hier anzubieten und zu bewerben, hat die Chefin leider noch nicht umgesetzt. Schade.

Ich werde zur „Wartezone“ geleitet, mache mich obenrum frei (Mütze und Jacke) und blättere in einer Illustrierten. „Das Goldene Blatt“ wurde leider geklaut, stattdessen muss ich Sport-Bild lesen, wobei ich mir nur die Bilder angucke. Stelle fest dass Kevin Kampel eine Scheiß-Frisur hat. Ein Getränk wird mir auch angeboten. Da es für HavanaCola noch zu früh ist, wünsche ich mir ein Wasser. Da Mineralwasser leider aus ist, wie Ludmilla mir beichtet, gebe ich mich auch mit einem Glas Bad Kranburger zufrieden.

Der Salon selbst könnte meiner Meinung nach ein „Room-Staging“ vertragen (gestern bei Mieten, Kaufen, Wohnen gelernt), da der Charme der 90er-Jahre irgendwie nicht mehr so zeitgemäß ist. Die Hängelampe links über dem Kassentresen bettelt nach einer neuen Glühbirne. Egal. Mich fragt ja Keiner. Ungefragt Vorschläge machen ist auch nicht immer gefragt.

Nachdem ich mir zwei Minuten Kevin Kampels Kack-Frisur angeguckt habe und weiß, warum man bei der Siegerehrung von Autorenennen mit Champagner spritzt, darf ich Platz nehmen und bekomme nach einem kurzen Plausch über das verrücktspielende Wetter diese elastische kratzige Halskrause und ’nen Harry-Potter-Umhang umgelegt. Abgang Ludmilla.

„Sektumsepra, Schnipp-Schnapp-Haare ab. Hex, hex!“ funktioniert leider nicht auf Anhieb. Stattdessen kommt wenig später die Exekutive in ihrem Strickkleidchen aus dem Aufenthaltsraum. Kurzes Brainstorming hinsichtlich „Frisur“, wenn man das so nennen kann. „Hinten kurz, Ohren frei, oben etwas länger, nur Schere“ würde auf der Mindmap stehen. Aus dem Off immer wieder Gelächter, Gebrabbel, Geschirrgeklimper. Ich frage wie viele Leute denn da sitzen würden und erfahre dass es zur Zeit nur drei seien. Hört sich aber nach mehr Leuten an. Ab da beginnt auch das Strickkleid genauer hinzuhören und kann sich hin und wieder ein Lachen nicht verkneifen.

Dann schaut sie raus, stutzt kurz (Wortwitz) und sagt: „Da läuft ja ein Pfau draußen rum … hier kommt ab und an sonst nur ein Schwan vorbei, der vor der Tür sitzen bleibt und das Schaufenster attackiert. Da haben manche Kunden Angst reinzukommen.“

„Na ja, der möchte wohl Federn lassen …“ nehme ich die Einladung an und platziere einen schlechten Witz. Das ist aber nicht schlimm, da ich bis Monatsende noch drei aus meinem Schlechte-Witze-Kontingent frei habe. Jetzt nur noch zwei. Mist. (ja einer ist für die vorausgegangene Erklärung draufgegangen)

Nach ner guten Viertelstunde wurden genügend Hornfäden auf die richtige Länge gebracht, bekomme abschließend noch die Nacken- und Arschhaare rasiert und werde gepinselt. Ich bedanke mich artig, ziehe mich obenrum wieder an und bezahle. Wechselgeld war nur in Scheinen vorrätig, sodass kurzerhand das Kleingeld aus einem Portemonnaie vom Freund der Chefin aus dem Off geholt wurde. Ich kann mir ein schmunzeln nicht verkneifen und stecke es in die Kaffee/Trinkgeldkasse. Passte voll ins Bild und rundete den Friseurbesuch zu meiner Zufriedenheit ab.

I’ll be back. Cut off!

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