Zu Gast bei Tilmann Otto

„Wo geht ihr hin?“

„Na zu Dschäntelmän! Buffalo Soldier und so. Das is’n Deutscher der denkt er sei Jamaikaner. Nur ohne Dreadlocks. Der hatte mal ’nen Hit mit Freundeskreis. Irgendwas mir „abgeschabte Schreibtafel“, oder so …“

So oder so ähnlich hätte ich den Künstler anderen Leuten vor seinem  MTV-Unplugged-Konzert am vergangenen Freitag beschrieben.

Bei feinstem Frühlingswetter vor der Veranstaltungshalle noch fix den Blick über das städtische Gewässer schweifen lassen, dazu ein paar Sonnenstrahlen eingefangen, geguckt wer noch so da ist und dem Telefongespräch des schon leicht angeschossenen potentiellen Konzertbesuchers mit norddeutscher Herrenhandtasche (6er Träger Pils) gelauscht:

„Jaaa, Alter, ich bin schon hier. Ey, haste was? Bringste was mit? Geeeeeeeeeeeeil. Kannste auch noch Blättchen mitbringen?! Feeeeeeeeeeeeeett!“

Frederick – Fönwelle, Hemd und Segelschuhe – war mit seinen Eltern da, und hat von all dem nichts mitbekommen. Dafür rezensierte er in einem Kurzabriss die Kritiken der vergangenen Auftritte. Streber. Das Publikum reichte vom bekifften Studenten (vermutlich), über Rastafari und Strebersohn bis hin zum Kuppelshow-Singleportal-Blind-Date-Pärchen. Fehlte eigentlich nur noch Inka Bause, die fröhlich schwankend in die Kamera spricht und den beiden frischverliebten Handelsfachpackern „Kräuterzigaretten für den medizinischen Gebrauch“ und schwarz-gelb-grüne Strickmützen in die Hand drückt.

Schlange stehen fiel dieses Mal aus, genauso wie der Fullbody-Leibesvisitationscheck. Nur in meine Handtasche wurde reingeguckt. Schnell ins Obergeschoss, Handtücher auf die Sonnenliege gelegt und ab an die Bierbude. Dem König und der Königin dürstete es. So hole er güldenen Gerstensaft zu € 9,60 / Liter und lasset unsere Kehlen befeuchten … Noch während ich auf das erste Bier wartete, wurde es dunkel, die ersten Klänge ertönten und Herr Otto betrat unter großem Jubel die Bühne. Bums. Keine Vorband. Geil. Ich kann mich zwar nicht an das erste Stück dass gespielt wurde erinnern, aber ich weiß dass er – und seine Musiker – die Halle von Anfang an im Griff hatte und sofort gute Stimmung herrschte!

20 (oder mehr) klasse Musiker – von Streicher, über Bläser, Zupfer und Schläger – drei „Shoop-Shoop-Sängerinnen“, von denen eine Frau Otto war, die anderen Gastsänger sowie Gentleman selbst, hatten sichtlich Spaß an dem was sie diesen Abend machten. Und das Publikum auch. Überall wurde (aus)gelassen mitgeschwooft, von links nach rechts gewunken oder auch nur der Fuß aufgetippt. Hier stand keine aufwendige Lichtershow oder Pyrotechnik im Vordergrund, sondern die Musik. Es wirkte wie eine große Sommerparty. Mal durfte der Bruder von Hanns Sarpei ein schönes Trompetensolo hinlegen, dann battlete sich der Protagonist mit einem „Jamaipaner“ (Martin Yamamoto) und bezogen kurzerhand die mehr oder weniger stimmgewaltige Securitys in ihren Wettkampf mit ein, wobei der Jamaipaner sehr zur Freude des Publikums hier die Oberhand behalten sollte.

Yamamoto folgten auch noch ein englisches Nachwuchstalent, Sherira aus Kingston, Tamika aus den USA sowie Tanja Stevens und die kleine Schwester von Aretha Franklin (im übertragenen Sinne), die allesamt sehr zu dem gelungenen Abend beigetragen haben. Wer Zugaben fordert, bekommt diese auch. Und sei es in Form eines traditionellen Trommelsolos auf einem kugelgrillähnlichen verbeulten Musikinstruments dessen Namen ich nicht kenne. Oberstes Regal, da kommste nicht ran.

Wer mal 2,5 h richtig gut unterhalten werden möchte – von Anfang bis Ende -, der sollte sich Gentleman MTV Unplugged unbedingt geben. Auch wenn man kein ausgewiesener Reggaefan ist. Wenn mich heute einer fragen würde, wer Gentleman sei,dem würde ich antworten: „Ein richtig guter, publikumsnaher, jamaikanischer, unterhaltsamer Musiker, ohne Allüren und toller Band!“

Danke, Herr Otto. Viva con agua.

 

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