Rückschlagspiel 2.0

Auf der Suche nach modischer Badebekleidung für den kurz bevorstehenden – und nebenbei bemerkt – ersten Sommerurlaub seit 15 Jahren, entdeckt der neuhanseatische Sonnenjunge ein Sportartikelset der besonderen Art: 2 x Rückschlagspielschläger der Marke Joola, 3x Bälle (2x weiß und 1xSignalspielball in der Farbe neongelb – für den Winter, klar) sowie eine praktische und durchsichtige Tragehilfe & Aufbewahrungsmöglichkeit in Personalunion. So kann ein jeder der mag, neidisch die Sportgeräte beäugen. Am letzten Wochenende wurde die Neuanschaffung an der Outdoorspielstätte um die Ecke schließlich ent eingeweiht. Ein Gegner bzw. eine Gegnerin für einen ersten Test war auch schnell gefunden. Ein weit über die Grenzen von Südoldenburg bekanntes Tennis-As erklärte sich bereit, sich zu duellieren. Schließlich hatte sie noch eine Rechnung vom Skwuosch-Duell offen …

Da stand sie, die Platte aus der Kindheit. Aus Stein gemeißelt, geschmückt mit einem Netz aus Stahl und gespickt mit kleinen Ästchen. Nachdem diese fein säuberlich und gekonnt mit dem Schläger weggeschnippt wurden, flogen die ersten Bälle übers Netz. „Plong!!!!“ Erster Ball im Netz. Plötzlich befindet sich der Rückschläger im Jahr 1990. Deutschland wird Weltmeister und die Kinder im Neubaugebiet verbringen jede freie Minute auf dem hiesigen Spielplatz. Dort wird von morgens bis abends Tischtennis gespielt. Teilweise treffen sich täglich bis zu 20 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 14 Jahren, um ‚Anpetten‘ zu spielen.

Die Spieler teilten sich (bei gerader Anzahl) zu gleichen Teilen auf. Jeder hatte 3 Leben + 1 x Schwimmer, die er durch Fehler oder nicht erreichte Bälle verlieren konnte. Angabe hatte automatisch immer die Seite mit den meisten Spielern. Nicht selten wollte im späteren Spielverlauf ein Teilnehmer der alleine auf einer Seite stand, die Angabe machen. Dagegen half immer das Universalargument: „Aber dann muss xy doch gegen sich selbst laufen …“ „Ach jaaaa ….!“

Nicht selten taten sich Spieler zusammen, um die vermeintlich stärkeren Spieler gemeinsam rauszuschmeissen: „Los, spiel hoch, dann kann ich schmettern!“ Die besseren Spieler erkannte man entweder an der chinesischen Spielweise – dabei wurde das Schlaginstrument wie ein großes Essstäbchen gehalten – oder an den zahlreichen ‚Chinesen‘, ‚Russen‘ & ‚Amerikanern, die man für Finalsiege bekam und bei Bedarf im Spielverlauf gegen neue Leben eintauschen konnte. Bei der Wertigkeit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen gab es die wildesten Szenarien. 3xChinesen ergaben einen Russen und 5xRussen wiederum einen Amerikaner. Heißt also, ein Amerikaner war gleichbedeutend mit 15 x Chinesen, oder? So funktionierte Politik in den 1990ern bei den Kindern, ja.

Da gab’s noch kein zwitscher, fratzebukk oder whotzab. Nee, da hat man, wenn man zu weit weg wohnte, die Wählscheibe betätigt und die Telefonnummer seines Kumpels (auswendig!!!!) gedreht und gefragt ob er da ist, wenn Mutti abnahm (das Telefon). Bei „Ja“, fragte man ob er Zeit hat, holte ihn ab und spielte draußen, sofern es nicht regnete. Bei „Nein“ bedankte man sich, ging raus und suchte sich andere Kinder zum Spielen.

Oder man ging auf den Spielplatz und spielte Anpetten. Besonders wenn man seinen ersten Schläger ohne Noppen hatte. Und mit Namensgravur im Griff, den der Nachbar da reingebrannt hat. Den Geruch vergisst man komischerweise nicht. Neue Schläger ‚zogen‘ auch ganz gut. Um das zu beweisen, wurden die roten und schwarzen Seiten nacheinander kurzerhand über den Schopf des Ungläubigen gezogen. Diejenigen mit älteren und abgenutzten Belegen versuchten es gerne mit Spucke respektive ‚Ziehschaum‘ aus dem Sportfachgeschäft.

Dazu noch ne Techno-3-Stern-Hülle und 3-Sterne-Bälle! „Lass mal meinen Ball nehmen-ist ein 3-Stern!“ Die Kategorisierung hat sich so manchem bis heute nicht erschlossen. Aber wehe wenn die kaputt gingen. Da musste man immer Ersatz in petto haben-oder dem Eigner 3xNoname-Bälle für einen kaputten 3-Stern abdrücken. Dellen ließen sich mit heißem Wasser behandeln. Hinterher wurde dann gekonnt der Ball zwischen Schläger und Platte gerollt um zu erhören, ob das Spielgerät nen Riss hatte oder nicht. Risse hatten oftmals auch die Griffe oder die Rahmen, weil der ein oder andere schlecht bis gar nicht verlieren konnte und die Schläger entweder auf die Kante trafen oder den Weg ins Gebüsch fanden. Ein Glück gab es ‚Panzertape‘.

Bei Netzrollern und/oder Kante wurde sich noch ordnungsgemäß entschuldigt. Hand auf der Platte war, wie in der Küche, ein Fehler-genauso wie angenommen. Und bei den jüngeren wurde nicht fies gespielt.

„Los, Du bist dran!“ Whoooosh. Zurück in der Gegenwart angekommen, wurde das Spiel mit einer Träne im Auge fortgesetzt. Das erste Duell ging heißumkämpft in der Extra-Time mit 58:60 verloren. Ein Rückspiel wurde jedoch schon ausgemacht und wird demnächst ausgetragen. Dann aber in Ernst und mit ohne Rücksicht nehmen und mit SCHMETTERN!!!!!1111!1

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