Um die Ecke wohnen ist kein Geschenk

Der schneidige Büroheini geht seiner Pflicht des ehrenamtlichen Familenvaters nach und verweilt nachmittags mit Kind und Kegel auf einer von der Gemeinde erschaffenen Fläche zum Trainieren des Sozialverhaltens außerhalb des häuslichen Bereichs.

Während des Trainings betritt ein älterer Herr suchend die öffentliche Begegnungsstätte und verschwindet in den Büschen. Bei Kindern ist das dort oft nicht ungewöhnlich, da der Stoffwechsel zum Teil noch nicht so gut kontrollierbar ist. Bei älteren Menschen zum Teil meist nicht mehr.

Nach einer angemessen Wartezeit beschließen Kind und Kegel nachzusehen und treffen den Herren am Gartenzaun des angrenzenden Wohnhauses an:

„Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Hier bin ich falsch!“ antwortet er auf die Frage, ob er Hilfe benötige. Fragen zur konkreten Wohnadresse kann er nicht machen. Er wohne um die Ecke bei seinem Schwiegersohn, dessen Telefonnummer er aber nun leider nicht dabei hätte. Der Herr wird kurzerhand zurück in den verkehrsberuhigten Bereich begleitet und erkennt er eine vorbeilaufende Frau mit Hund:

„Die Frau und den Hund kenne ich. Ich gehe mal hier lang!“ verabschiedet er sich und geht doch leicht verunsichert seines Weges.

Verunsichert geht auch der Vater mit Kind und Kegel zurück zur von der Gemeinde erschaffenen Fläche zum Trainieren des Sozialverhaltens außerhalb des häuslichen Bereichs und spricht eine andere Besucherfamilie an, ob sie ortskundig sei oder den Herren vom Sehen kennen würden.

Ortskundig ja, sie würden „um die Ecke wohnen“ (Oh nein, die auch?). Den Herren aber kannten sie nicht. Das könne aber schonmal vorkommen, zumal es in der Nähe mehrere Pflegeeinrichtungen gäbe. So beschlossen der Vater und die Kinder sich mit ihren Fahrrädern auf die Suche nach dem Herren zu machen.

Tatsächlich kam er ihnen wenig später aus einer anderen Richtung als in die er veschwunden war, entgegen gelaufen.

Er war immernoch falsch, hatte immernoch keine Orientierung und suchte nach der Hauptstraße. Da hätte er vor ein paar Tagen noch im Supermarkt eingekauft. Der Schwiegersohn sei aktuell auch nicht da. Der würde aber hier im Ort wohnen. Die auf dem Mobiltelefon installierte Suchmaschine des Vaters brachte auf der Suche nach der Telefonnummer des Schwiegersohns aber auch nicht das gewünschte Ergebnis, sodass als nächstes ein paar in der Nähe ansässige Senioren- & Pflegezentren abtelefoniert wurden. Aber keine Einrichtung hatte einen Bewohner mit seinem Namen. Eine Einrichtung bedankte sich sogar für den Anruf. Der Herr sei nach eigenen Angaben bereits zwei Stunden unterwegs gewesen und eigentlich immer nur zu Besuch hier in der Gegend.

Da konnte nur noch die ortsansässige Foundation für Recht und Verfassung helfen. Nach einem kurzen Frage-Antwort-Spiel am Telefon, bei dem es nichts zu gewinnen gab, warteten die Protagonisten im Außenbereich eines freundlichen und hilfsbereiten Gastronomen, der die auf die Polizei wartenden Personen mit Wasser versorgte, um die anvisierte Wartezeitvon 15 Minuten bei den sommerlichen Temperaturen so angenehm wie möglich zu machen. Aus Verlegenheit zückte der Herr seinen Geldbeutel und legte einen € 20,-Schein auf den Tisch, den die später eintreffenden Freunde & Helfer aber an sich nahmen.

Nach einem kurzen Plausch über die berufliche und private Vergangenheit, den letzen Einkauf, Entschuldigungen für das vermeintliche Stören des Familienablaufs, bis hin zu, was der Schweigersohn denken würde, wenn er jetzt mit der Polizei nach Hause käme, nahmen zwei Staatsbedienstete in Uniform und Firmenfahrzeug den Herren freundlich in Empfang und brachten ihn an die zwischenzeitlich ermitteltete Meldeadresse „Um die Ecke“, die gar nicht so weit entfernt von der von der Gemeinde erschaffenen Fläche zum Trainieren des Sozialverhaltens außerhalb des häuslichen Bereichs lag – nur eben um die andere Ecke.

Als der Familienvater dem Herren im Polizeiauto sitzend erleichtert und berührt zugleich nachschaut, fragt er sich, wie oft das wohl schon vorgekommen ist. Dem Herren. Hier. In ganz Deutschland. Die Antwort darauf hat er noch nicht gefunden, dafür aber eine Webseite mit nützlichen Informationen für Angehörige von Alzheimer-Betroffenen und Demenzerkrankten.

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