Als Azubi und junger Mensch war man gefühlt nie krank. Man hatte vielleicht mal eine Erkältung oder einen grippalen Infekt mit dem man aber dank einiger Wundermittel prima arbeiten konnte.
Die Kollegen hatte das meistens auch nicht gestört, wenn man hustete oder eine Schniefnase hatte. In einer bestimmten Zeit im Jahr, hatte das jeder.
Lediglich Magen-Darm-Infekte hielten einen zu Hause. Oder eben auf dem Klo. Neben des Hustens und anderen Erklärungsymptomen plagte einen auch das schlechte Gewissen.
Wenn man selbst nicht da war, dann musste ein anderer seine Arbeit mitmachen. Und das wollte man dem/der Kollegin auf gar keinen Fall zumuten. Oder schlimmer noch, dann würden bestimmt irgendwelche Fehler aufploppen und jeder würde mit dem Kopf schütteln und sowas sagen wie: „Ja guck mal, die einfachsten Sachen bekommt er nicht hin!“Wenn jedoch jemand anderes krank zu sein schien, sagte man gönnerhaft: „Geh man nach Hause, wir wuppen das schon.“
Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich die Einstellung aber bei den meisten Arbeitgebern dahingehend verbessert, das man aus Schutz der Kollegen aber auch aus Schutz für einen selbst, zu Hause bleibt, sich krank meldet und auskuriert. Auch ohne schlechtes Gewissen.
Mittlerweile hat fast jede/r eine Vertretung, die im Krankheitsfall eilige oder wichtige Themen bearbeitet. Man geht auch während eines plötzlich eintretenden Krankheitsfalls in seinem Urlaub zum Arzt, lässt sich krankschreiben um sich seinen Urlaub wiederzuholen. Das alles fällt wohl unter „Learnings“ bzw. „Lessons learned“.
Obwohl, ein Mal hatte er sich Sonntag abends via SMS bei seinem damaligen Abteilungsleiter für den nächsten Tag krank gemeldet, da er aus Versehen zusammen mit seinem Bruder und Vater anlässlich eines Geburtstags eine Flasche Grappa geleert hatte.
Da ihn aber doch das schlechte Gewissen plagte, schwang er sich am nächsten Tag auf sein Fahrrad und saß pünktlich am Schreibtisch. Wahrscheinlich war das der Tag, an dem er das letzte Mal Kaffee gekocht hatte …