(Um)Fragealter

Früher war man ja im Fragealter. Da hat man als kleiner Steppke, oder wie man bei uns sagte: „Buttscher“. Man hat ja mit ner Buttscherhose immer so rumgebuttschert. Buttscher, buttscher, buttscher … jedenfalls, hat man viele Fragen gestellt.

Ich hab früher oft und gerne mit imaginären Bauklötzen gespielt-wir hatten damals ja nicht viel. Die Bauklötze mussten wir uns staunen. Dann und irgendwann hab ich meinen Opa gefragt:

„Du, Opa?“

„Jaa, mein Buttscher?!“

„Weiß Du wo Honolulu liegt?“

„Oh nein, das weiß ich nicht. Aber wo die Normandie liegt, kann ich Dir sagen! Spiel weiter …“

„Du Opa?!“

„Ja, mein Junge?“

„Warum haben Mädchen keinen Lulu?!“ (also Pimmel)

„Ach, weißt Du, das wirst Du noch früh genug lernen … spiel mal weiter.“

„Du Opa?!“

„Ja mein Kleiner?“

„Woran ist eigentlich das Tote Meer gestorben?“

„Das weiß der Opa leider nicht.“

„Stört es Dich eigentlich wenn ich dich frage?“

„Nein, nein, frag ruhig weiter. Du sollst ja was lernen!“

Mittlerweile bin ich im Umfragealter. Ab und an werde ich in meiner Mittagspause angesprochen, besonders häufig wenn man gerade genüsslich in einen Rollo oder Döner beißen will …

„Entschuldiguuuung, ich bin von bremen vier und wollte mal wissen ob sie nach dem Sex rauchen?!“

Da habe ich kurz gestutzt und gesagt: „Oh, da habe ich noch nie nachgeschaut …“

Oder ein anderes Mal, so zwei Studentinnen. Mit Kamera. Wollte gerade wieder in den Rollo beißen – ich esse oft Rollo (oder heißt es Rolli? wegen Mehrzahl?) Und da quatscht die eine drauf los, von wegen:

„Ja, hi, wir schreiben gerade an unserer Bachelorarbeit und befragen Leute zu Fremdworten. Was fällt Dir spontan zu Koprolalie ein?“

„Koprolalie?! Mmh. Mal FLICKEN!! überlegen. Habe ich glaube ich – TISCHLAMPE – noch nie gehört. FROTZELN!“

Einmal war ich Gegenstand der Umfrage. Da wurden Frauen zwischen 20 und 35 gefragt, ob Sie sich vorstellen könnten etwas mit mir anzufangen. 70% hätten daraufhin gesagt: „Um Gottes Willen, nie wieder …“

Oder ein anderes Mal stand ich auf dem Marktplatz, habe lecker Erbsensuppe mit Nullbockwursteinlage gegessen und wurde gefragt, ob ich wüsste wo die Bremer Stadtmusikanten stünden. Habe ich „Ja“ gesagt und hab weiter gegessen.

Hab den Touristen natürlich dann auch den richtigen Weg erklärt, weil ich irgendwie stolz war, dass man mich für einen Local hielt. Bin ja noch nicht so lange hier. Manchmal schicke ich die aber auch zu den Schweinen in der Sögestraße und laufe dann mit Daumen nach oben, nickend und nett grinsend an ihnen vorbei, wenn die dann nen Foto machen und den Schweinen an die Hufen packen.

Oder wenn ich gut drauf bin, dann erkläre ich Leuten den Weg, frage ob sie soweit mitgekommen sind und sage dann zum Schluss sowas wie: „Wenn sie das und das Gebäude sehen könnten, dann wäre das da nicht!“

Manchmal passiert es mir aber auch, dass ich das so wie die Chinesen mache. Bevor ich nichts sage, sage ich lieber was falsches und lächele und nicke dabei. So wie in der Schule früher. Quantitativ war ich vorne mit dabei. Qualitativ nicht. So wie in Sport. Äh, Quatsch, Bio. Mein späterer Leistungskurs. Abiklausur 1 Punkt. Hab mich voll gefreut dass nichts mit Synapsen dran kam. Das hatte ich nicht drauf. Salzwiese allerdings auch nicht.

In der 8. Klasse sollte ich einmal den Ablauf der Photosynthese erklären. Sauerstoffbildung in den Blättern oder so. Mit Stomata und Chloroplasten. Kennt ihr ja.

Herr Krause, falscher Mittfünfziger, beigefarbene Bügelfaltenhosen, karierte Hemden, Rieker-Slipper – die Klamotten hat ihm seine Frau morgens raus gelegt – und auch die Schuhe zugebunden. Die Slipper. Gesichtsausdruck wie Hannibal Lector. Hat Schüler gerne vorgeführt, schlechte Noten verteilt und ab und an mit seinem Zeigestock auf dem Pult rumgekloppt. Nen reiner Kumpeltyp. Den hätte man gerne mit der Ghettofaust begrüßt – im Gesicht.

Naja, jedenfalls sollte oder wollte ich die Photosynthese erklären, und hab mir da richtig einen bei abgebrochen:

„Das passiert in den Chloroplasten. Da scheint die Sonne rein und dann entsteht Sauerstoff und die Pflanze kann atmen …“ oder so. Stille.

Hr. Krause sagte dann nur ganz trocken, ich solle vielleicht mal etwas Licht in mein Gehirn scheinen lassen, dann könnte ich den Sauerstoff nutzen und klar denken. Habe bis heute nicht verstanden wie er das gemeint hat.

Letztens war ich auf dem Nachhauseweg vom Laufen. War mit’m Rad unterwegs und da traf ich auf eine Gruppe von Geschäftsleuten aus Osteuropa. Einer der gepflegten freundlichen Herren sprach mich an:

„Entschuldigen Sie bitte, aber können Sie uns eventuell sagen, wie wir zum nächstgelegenen Zentrum für heterosexuelle Dienstleistungen gelangen?“

Also ich glaube, dass ich das aus: „Ey Kollegah! Wo is nächste Puff?“ rausgehört habe.

„Helenenstraße!“

„Chelene Fischer-Straße?“

„Ja!“

„Wo?“

„An der Ampel rechts, dann hoch bis zur Kreuzung. Dann links und gegenüber von dem Geldinstitut und dem Street-BTM-Outlet auf der rechten Seite!“

Der Typ kriegte große Augen, und rief irgendwas nach vorne, wie: „Ey, lass Dir von dem Clown hier in seinen hässlichen Sportklamotten den Weg erklären respektive den Straßennamen für google Maps geben, ich spritze mir gleich in die Hose!“

Der Kollege erwiderte nur „Chelenenstraße“ und hielt sein Handy hoch. Der andere Kamerad war sehr erleichtert und bot mir zum Dank eine Zigarette an, die ich aber mit den Worten: „Bin Sportler“ dankend ablehnte. Abschließend wünschte ich den Herren noch einen schönen Abend und fuhr davon.

Frage mich bis heute, ob das ne gute Idee war …

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