Ross oder Reiter?

Der schneidige Homeofficer will nach dem Gang zum Bäcker die Wohn- und Arbeitseinheit betreten und hört aus der Ferne ein sich näherndes wiederkehrendes Quietschen. „Quietsch … Quietsch … Quietsch …“

Neugierig wie er geboren – und während des Wehrdienstes als Aufklärer ausgebildet wurde – verbleibt er vor der Tür stehen und plant, sich in dem Moment des vermeintlichen Vorbeifahrens, unauffällig umzudrehen und den Quietschursprung in Augenschein zu nehmen. Er vermutet einen Radfahrer (m/w/d).

Die halbe Minute kam ihm vor, wie eine Ewigkeit. Ganze 10 Wiederholungen hatte er gezählt. Dabei schien das Geräusch doch so nah? Nach dem Weg-Zeit-Gesetz und unter Berücksichtigung der Windrichtung, der umliegenden Gebäude und des korrekten Korrelationskoeffizienten hätte der Verursacher doch schon längst vorbeigekommen sein müssen. Im hungrigen Homeofficer keimten Zweifel und Unruhe auf. Gedankenkreise.

Ist das Geräusch so wichtig, um hier hungrig in der Kälte auszuharren? Was ist, wenn das Objekt kehrt macht oder vorher abbiegt?! Dann wäre das alles umsonst gewesen. Aaaaaaaargh! Erträgt er einen zweiten Aufreger auf nüchternen Magen? Moment. Ein zweiter Aufreger? Was ist vorher passiert? Ja klar, da war ja die Bäckeruschi gewesen, die seinen Wunsch nach einem „Brioche-Knoten“ mit einem „So etwas haben wir nicht!“ abschmetterte. Erstaunt deutete der Homeofficer auf ein Backprodukt und fragte, was das denn dann sei? „Ein Butterzopf“ klärte ihn Miss Bäckerblume Januar 21 auf. Aaaaaaaaargh … Szenenwechsel. Innerer Konflikt: Schnauze. Er blieb stehen. Er musste Gewissheit haben. Hungrige Gewissheit.

Innerlich zerrissen, schloss er die Augen, um sich auf das immer nähernde kommende rhythmische Geräusch zu konzentrieren. Jetzt gleich war es so weit. Auf der anderen Straßenseite musste es gleich vorbeifahren. Langsam umdrehen. Ganz langsam. Nicht zu hastig. Bloß nicht starren. Und nur ein leichter Blick über die Schulter. So wie es der Obermaat damals gepredigt hat. Ruhig bleiben. Einatmen, ausatmen, DREHUNG!!!!!!

Der hastige Blick fiel auf einen augenscheinlich sehr alten weißhaarigen Mann mit langem Bart, der auf einem noch älteren rostigen klapprigen Fahrrad in Zeitlupe auf dem Gehweg fuhr. Gerade so schnell, dass er nicht umfiel. Bei jeder Umdrehung der Kurbel ertönte ein „Quietsch“. Alle drei Sekunden. Es handelte sich um Walter Klöfkorn, den Weltmeister im Langsam fahren. Auch nach weiteren 30 Sekunden war es dem jetzigen Zivilisten mit Militärfachwissen leider nicht möglich zu benennen, ob das Geräusch vom Fahrrad oder von Hüft- und Kniegelenken des Reiters verursacht wurde.

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